Ressource Detmold
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Welche Zukunft haben Gesellschaftsvereine in Deutschland?

von Jens Gnisa

Die Ressource zu Detmold feiert im Jahr 2025 ihr 200jähriges Bestehen. Das ist ein ganz besonderes Jubiläum, gehört sie damit doch mit zu den ältesten Vereinigungen in Lippe. Ein derartiges Jubiläum ist zu Recht Anlass zum Feiern, aber zugleich ist dies auch immer eine Möglichkeit um Bilanz zu ziehen und einen Ausblick zu wagen. Der Ausblick ist dabei besonders wichtig, befinden sich doch Gesellschafsvereine seit Jahrzehnten unter Druck, gekennzeichnet etwa durch Mitgliederschwund, den Verkauf ihres festen Domizils oder gar der Auflösung.

Motive der Gründung – kurze Geschichte

Schon lange vor der Gründung von Gesellschaftsvereinen gab es etwa mit den Zünften oder Schützenvereinen Vereinigungen von Bürgern. Ende des 18.-Jahrhunderst – erstmals für Westfalen 1775 in Münster – traten daneben dann aber Vereine nach englischem Vorbild (Clubs), denen man sich freiwillig nach einem bestimmten Abstimmungsverfahren anschließen konnte. Ende des Jahrhunderts war es fast in allen großen Städten Westfalens zu derartigen Gründungen gekommen. Fast in allen Satzungen ist der Zweck ähnlich formuliert: es geht um den geselligen Verkehr der Mitglieder in gepflegter Atmosphäre. Deutlicher formulierte es ein Besucher der Mindener Ressource im Jahr 1794 abseits der Satzung:

»Die Gesellschaft gewinnt durch die hiesige Ressource sehr ... Hier findet der Geschäftsmann Erholung von seinen Arbeiten, nicht, wie dies in Wirtshäusern oft der Fall ist, in der Gesellschaft fader Gaffer und Schwätzer, sondern im Cirkel gewählter Männer.«

Natürlich ging es also auch darum, seinen Status nach außen zu zeigen und sich abzugrenzen. Die Aufnahme in den Club entsprach einem bürgerlichen Ritterschlag. Das gewachsene bürgerliche Selbstverständnis verlangte danach.

Wie immer erreicht Lippe diese gesellschaftliche Strömung verzögert, erst 1825 – man war spät dran. Das gesellschaftliche Umfeld hatte sich nun allerdings dramatisch verändert. Es war gerade dieses Umfeld, was die deutschen Gesellschaftsvereine letztendlich von ihren englischen Vorbildern ablöste und zu einer eigenständigen gesellschaftlichen Dynamik führte:

Die Aufklärung war weit vorgedrungen und hatte bereits mit der Romantik eine eher deutsche Gegenbewegung hervorgerufen. Man wolle nicht glauben, dass die Mysterien der Welt sich allein durch Vernunft, Logik und Wissenschaft erschließen ließen und suchte in Malerei, Literatur und Musik nach einer eher hintergründigen Tiefe. Gleichzeitig legten Kant und später Hegel und Fichte mit ihren Gedanken die Grundlage für einen bis heute anhaltenden Individualisierungsprozess des einzelnen Menschen. Mit ihrer Philosophie wurde der freie Wille des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt des Denkens gestellt. Es konnte nicht ausbleiben, dass hieran politische Forderungen geknüpft wurden, die jedoch spätestens mit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 enttäuscht wurden. Nach den blutigen und entbehrungsreichen Befreiungskriegen hatte man zwar nun Frieden gewonnen – bürgerliche Freiheiten wurden jedoch weitgehend verweigert. Die Folge war politischer Rückzug, wodurch gleichzeitig dann eine Blüte in Kunst und Kultur hervorgerufen wurde, der sich wiederum die Gesellschafsvereine verschrieben. Damit war der Rahmen abgesteckt: Das gehobene Bürgertum schloss sich in den Gesellschaftsvereinen zusammen – heute würde man von Netzwerken sprechen - und verband sich mit Kunst und Kultur, was wiederum Ausdruck eines bestimmten Bildungsniveaus war. Es begann eine glänzende Zeit. Die Betonung der Bildung wiederum erlaubte in der Ressource in Detmold von Beginn an auch den Frauen ein gewisses Maß an eigenständiger Teilhabe, hatten doch die Damen des Adels und der gehobenen bürgerlichen Schichten bereits in frühen Zeiten hier durchaus Beachtung gefunden. Zugleich achtete man aber in einem fragilen politischen Umfeld immer wieder in den Gesellschaftsvereinen darauf, nicht in die Schusslinie zu geraten. Politisch sicher überwiegend liberal-konservativ ausgerichtet gab man sich konsequent wenn auch nicht als unpolitisch, so doch als politisch neutral. Dies ermöglichte auch Offizieren letztendlich den Beitritt. Damit erfuhren die Vereine eine bemerkenswerte Breite: sie waren nicht mehr festgelegt auf einzelne Berufsgruppen wie etwa die Zünfte, sondern standen offen für jedermann (und teils auch jederfrau). Entscheidend war die Zustimmung zur Aufnahme, wobei jeder sein Interesse bekunden konnte. Für die Vereine ging es darum, gesellschaftlich gehobene Persönlichkeiten zu gewinnen. Der Zuspruch war enorm. Man wollte dazu gehören und musste deshalb sogar ein umfassendes Regelwerk für Eintrittswillige schaffen, die sich zu Unrecht für abgewiesen hielten: das Ballotement, bei dem die Mitglieder in der Ressource mittels Billardkugeln über den Eintritt abstimmten. Die Art und Weise wie diffizil insoweit die Satzung verfasst wurde macht deutlich, welche Auswirkungen auf den Ruf eine Ablehnung haben konnte.

Das Modell des Gesellschaftsvereins war nicht nur etabliert sondern entwickelte sich auch in Detmold mit der Ressource zu einem gesellschaftlichen Kraftzentrum, das immer wieder die Stadtgesellschaft entscheidend anschob – etwa beim Bau des Detmolder Rathauses. Hier pachtete die Ressource die Beletage an und trug damit wesentlich zur Finanzierung des Rathauses bei. Ähnlich fördernd wirkte die Ressource über die Sammlung von Spenden für das Hermannsdenkmal bis hin in den 1870er Jahren zum Bau des Gesellschaftshauses an der Ameide als eine der glänzendsten Anlaufstellen bürgerlichen Lebens. Die Gesellschaftsvereine waren fester Teil des bürgerlichen Zeitalters in den als verschobenes Jahrhundert bezeichneten Jahren von 1815 bis 1918 geworden und entwickelten starke Traditionen. Die politische Neutralität stand jedoch auf dünnem Eis, wie sich am Konflikt um den Namen Ressource verdeutlicht. Ein Mitglied der Ressource, dessen Sohn im 1. Weltkrieg gefallen war, hielt es für unzumutbar, in einem Verein mit französischem Namen – also aus der Sprache des „Erbfeindes“ - organisiert zu sein. Er drang schließlich mit seinem Antrag auf Namensänderung durch. Völlig konnte man sich also den politischen Zwängen der Zeit nicht entziehen.

Es lag auf der Hand, dass mit dem Ende des bürgerlichen Jahrhunderts die Gesellschaftsvereine in schwieriges Fahrwasser kamen. Die furchtbaren Verluste und Entbehrungen des 1. Weltkries und der Nachkriegsjahre waren kaum ausgeglichen, da rollte bereits der Nationalsozialismus in seiner vollen Wucht auf Deutschland zu. Aus dem Zentrum der Gesellschaft verbannt konnten oder wollten die Gesellschaftsvereine nichts entgegensetzen – hier rächte sich nun der Grundsatz der politischen Neutralität. Die Ressource Detmold musste ihr Haus nach gut 60 Jahren in der Ameide auf Druck der Wehrmacht, die ein Offizierskasino einrichten wollte und auf Grund Mitgliederschwunds aufgeben und kaufte von dem Erlös das Haus in der Alle 11, das sie um einen Saal erweiterte. Hier verhielt sie sich weitgehend geräuschlos.

Die eigentlichen Krisen sollten aber nach dem 2. Weltkrieg kommen. Die Mitgliedschaft der Vereinigungen war erneut durch Tod und Vertreibung gezeichnet. 2 Inflationen hatten das Vermögen der Deutschen aufgezehrt. Die Gesellschaftshäuser waren – wie etwa in Dortmund – zerbombt oder – wie in Detmold und Minden - konfisziert worden. Als sie zurückgegeben wurden, waren die Häuser teils in desolatem Zustand ohne jedwede Ausstattung. Oft wurden die Häuser in der Folgezeit aufgegeben, was dann zum Verlust des gesellschaftlichen Mittelpunktes und der Anlaufstelle führte. Hier macht sich ein Webfehler der Gesellschaftsvereine bemerkbar. Man ist ausschließlich örtlich organisiert; ein Dachverband fehlt vollkommen. Dies macht es unmöglich etwa Gesamtinitiativen zu ergreifen oder unterschiedliche Leistungsverhältnisse auszugleichen. Detmold hatte gleichwohl Glück, das Haus blieb bis heute erhalten.

Das alles hätte sich überwinden lassen, wenn nicht weitere Brüche hinzugetreten wären. Zunächst wurde ab den 60er Jahren die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft immer heftiger, was für Vereinigungen, deren Traditionslinien in dieser Zeit begründet wurden, fatal ist. So verfehlte etwa Fritz Fischer Kriegsschuldthese, wonach Deutschland – bedingt durch seinen ungehemmten Militarismus - maßgebliche Schuld am Ausbruch des 1. Weltkriegs treffe, seine Wirkung nicht. Schon das hatte letztendlich auch einen Bezug zu den Gesellschaftsvereinen, die ja eben diese Militärs bei sich eingebunden hatten. Schlimmer war aber noch die Wendung im Zuge der Aufarbeitung des nationalsozialistischen Unrechts. Denn immer mehr drang die Meinung nach vorne, wonach es eben dieser Militarismus war, der Adolf Hitler zur Machtergreifung geholfen hatte. Damit war der 2. Weltkrieg nahezu eine logische Folge des 1. Und auch von den furchtbaren Verbrechen der Nazis konnte man sich so nicht freisagen. Der Vorwurf an die bürgerliche Gesellschaft war, entweder mitgewirkt oder aber zumindest zugeschaut zu haben. Die politische Neutralität kann da, wo Handeln geboten war, nicht helfen.

Seither hat Deutschland Probleme mit Traditionen, die vor 1945 begründet sind und findet einfach nicht zu einem Patriotismus, der in anderen Ländern selbstverständlich ist. Das Neutralitätsprinzip der Gesellschaftsvereine war gescheitert; die andere Wurzel, die Tradition, nichts mehr wert. Alles veränderte sich – besonders nach 1968. Von der Architektur, über gesellschaftliche Einstellungen, bis hin zur Kunst. Rasante Entwicklungen sind immer für Vereinigungen, die sich auf Tradition besinnen wollen, ein Problem. Traditionen waren kein einigendes Band mehr sondern spalteten die Generationen. Die junge Generation lehnte alles ab, wollte experimentieren und verband die gesamte deutsche Geschichte vor 1945 mit dem Nationalsozialismus. Teilweise ging die Ablehnung so weit, dass sich bürgerliches Leben nicht mal mehr zeigen konnte. So war es etwa in Bielefeld bis vor einiger Zeit kaum noch möglich ohne Proteste einen Ball zu feiern. Folglich gab es in der Nachwuchsgewinnung besondere Probleme, was dann wieder zu Versteinerungsprozessen führte, da die Vereine in ihren Traditionen verhaften und sie sich nicht weiterentwickeln. In Detmold kam das alles gedämpft und verzögert an; aber die bürgerliche Gesellschaft hatte eine moralische Krise. Mit dieser Krise erschienen Gesellschaftsvereine als unmodern oder veraltet.

Es verwundert nicht, dass unter diesen Vorzeichen nach dem Krieg auch andere Vereinigungen mit ähnlichen Zielen, aber anderen Traditionen sehr erfolgreich in Deutschland waren: die Serviceclubs. Sie sind politisch vollkommen unbelastet. Im Gegenteil sind sie sogar ausdrücklich vor dem Hintergrund des Grauens der Kriege entstanden, wie etwa Lions, bei deren Veranstaltung regelmäßig an den Weltfrieden erinnert wird. Diese Vereinigungen sind zudem nicht regional aufgestellt, was den Verdacht der „Provinzialität“ nahelegt, sondern international, was im Zeitalter der Globalisierung in der Tat Gewicht hat. Auch der Servicegedanke ist zumindest sympathisch und heute besser begründbar für einen Zusammenschluss als der Gedanke des ausschließlichen „geselligen Verkehrs seiner Mitglieder“. Diese weit moderner auftretenden Vereinigungen haben viele der potenziellen Mitglieder, die die bürgerliche Gesellschaft nicht komplett ablehnten, für sich gewinnen können.

Aber es gibt noch weitere Belastungen für die Gesellschaftsvereine. Für solche Institutionen, in deren Mittelpunkt auch Kunst und Kultur stehen, in denen ein höheres Niveau angestrebt wird, ist Bildung von zentraler Bedeutung. Bildung hat aber ganz besonders im letzten Jahrzehnt seine Funktion als der entscheidende Schlüssel für Aufstieg und Wohlstand verloren. War es in den 70er Jahren wichtiges politisches Programm, den Aufstieg über Bildung jedermann zu ermöglichen, was zur Erschaffung der Massenunis führte, so werden heute Erfolg und Bildung immer weiter entkoppelt. Wissen ist für alle jederzeit über Dateien abrufbar; KI ermöglicht es heute schon Personen, die nicht einmal Noten lesen können, Musikstücke zu komponieren. Auch beruflicher Erfolg entscheidet sich immer weniger über Qualifikationen, Wissen und Bildung: der 3. Ersatztorwart von Bayern München, der über keinerlei Abschluss verfügen muss und in der Saison kein einziges Mal eingesetzt wird, verdient ca. das 10fache eines Regierungspräsidenten und eine junge Influenzerin mehr als der Bundeskanzler. Verwundert es da, dass immer mehr Menschen ohne Berufsabschluss auf den Arbeitsmarkt drängen? Und was heißt das für einen Verein, der auf Bildung setzt?

Schließlich haben alle Vereine in Deutschland wie auf der ganzen Welt einen gemeinsamen Feind: die Individualisierung. Menschen wollen immer mehr nach ihren Vorstellungen und Gefühlen leben, sich nicht einzwängen lassen, schon gar nicht in der Freizeit. Hierauf muss mit neuen Angeboten flexibel reagiert werden.

Ist also die Sache für die Gesellschaftsvereine verloren und droht ihnen der Umzug ins Staatsarchiv bzw. Heimatmuseum? Nein – auf gar keinen Fall. Es besteht sogar Anlass zu Optimismus.

Die neuen Vorzeichen nach Corona und das Verschwinden der Sicherheit

Keine Frage: nach 1945 hatten wir in Deutschland besonders gute Zeiten. Stetiges Wachstum, Zuwachs an Wohlstand, stetig verlängerte Lebenszeit sind nur 3 Facetten einer einzigartigen Zeit, die aber nun zu enden scheint. Alte Sicherheiten verschwinden. Der Abstand der politischen und gesellschaftlichen Krisen scheint immer kürzer zu werden: Bankenkrise, Währungskrise, Flüchtlingskrise und nun sogar erneut Krieg in Europa. Dies alles führt zu Erschütterungen; zum Zweifel an alten Gewissheiten. Dabei haben die politischen Parteien der gesellschaftlichen Mitte in jeder Krise an Zuspruch zu Gunsten der politischen Ränder verloren. Das seit 1949 bestehende politische System, gar die gesamte politische Weltordnung scheint im Wanken.

Besonders die Corona-Krise hat viele Bürger gerade in ihrem privaten Umfeld getroffen. Sie hat vielleicht bis heute die stärksten Auswirkungen für die Gesellschaft gehabt. Es ist logisch, dass nach 3 Jahren starker Mobilitätseinschränkungen die Reiselust der Deutschen ungebrochen ist – dies ist aber keine weitere Abkehr vom Heimatbegriff oder vom Vereinswesen als solches. Dazu doch eher 3 überraschende Zahlen: Der organisierte Sport zählt erstmals mehr als 28 Millionen Mitgliedschaften - und damit so viele wie noch nie. Einige Parteien verzeichnen darüber hinaus einen regelrechten Eintrittsboom. Und schließlich steigt die Zahl der Zuschauer an den deutschen Theaterbühnen deutlich und hat im Jahr 2024 die 20-Millionen-Marke geknackt. Sport, Politik, Kunst – sie alle bekommen also großen Zuspruch, wenn man das richtige Angebot macht; Netflix allein reicht den Menschen also offensichtlich doch nicht. Sind das die Vorzeichen eines grundsätzlichen Einstellungswandels? Und wie weit lässt die starke Individualisierung der Gesellschaft eine Rückbesinnung auf Traditionen zu?

Betrachten wir die Individualisierung, so hat sie ihren Preis: Die zunehmende Vereinzelung der Menschen, die teils gar in die Einsamkeit fallen. Staaten schaffen sogar Ministerien, die gegen Einsamkeit kämpfen sollen. Das gleicht allerdings dem Versuch der Bürger von Schilda, Licht mittels Säcken einzufangen, um Licht in das Rathaus zu bringen, das man ohne Fenster gebaut hatte. Der Grundfehler ist ein anderer: Wer Freiheit als Bindungslosigkeit missversteht, ist irgendwann alleine. Das widerspricht dem grundsätzlichen Bedürfnis der Menschen nach sozialer Eingliederung. Vor allem aber wird das hohe Niveau der Individualisierung vermutlich ohnehin nicht aufrecht zu erhalten sein. Denn sie setzt einen starken Staat voraus, der immer mehr das übernehmen muss, was von der Gesellschaft nicht mehr gleistet wird. Der Staat soll die Kinder in seinen Einrichtungen nicht nur betreuen, sondern immer mehr erziehen und an das Leben heranführen. Die Schule soll gleiche Bildungschancen auf hohem Niveau vermitteln - wobei allerdings auch immer häufiger defizitäre Elternhäuser parallel aufgefangen werden müssen. So geht es weiter bis hin zum anderen Ende der Lebensleiter, wo der Staat für Schutz vor Alternsarmut bei gleichzeitig hohem Niveau des Gesundheitsstandortes zu sorgen hat und schließlich die Pflege zu garantieren hat. Ist die alles schon ohnehin selbst in guten Zeiten schlecht möglich, so wird diese Erwartungshaltung den Staat in Zeiten, in denen die Infrastruktur wieder aufgebaut werden soll, gigantische Ausgaben für die äußere Sicherheit bereit gestellt werden müssen und die demographische Entwicklung in Deutschland eine immense Herausforderung bildet, nicht mehr alles in gewohnter Weise bedient werden können. Der Staat droht in diesem Umfeld zermalmt zu werden, produziert neue Enttäuschungen, die wiederum zu weiterer politischer Radikalisierung führen könnten. Die damit einhergehenden Verwerfungen können am besten noch von sozialen Faktoren wie der Familie oder nahen Freunden und Vereinen aufgefangen werden – ihre Bedeutung wird zwangsläufig wieder wachsen.

Aber was heißt dies alles für Gesellschaftsvereine? Um es vorweg zu nehmen: es eröffnen sich, wenn die Stellschrauben richtig angesetzt werden, ungeahnte Möglichkeiten.

Zunächst einmal bieten Gesellschaftsvereine, in denen die Mitgliedschaft grundsätzlich auf Jahrzehnte angelegt ist, die Möglichkeit Gleichgesinnte und Freunde zu finden und damit soziale Bindungen zu entwickeln. In einem immer unsicherer werdenden gesellschaftlichen Umfeld wird dies von kaum zu überschätzendem Wert sein. Von besonderem Vorteil ist dabei, dass die Struktur der Gesellschaftsvereine generationsübergreifend ist und deshalb ein Austausch über die Generationen hinweg stattfinden kann – ein Vorteil gegenüber Freundschaften, die im Regelfall vom Alter her horizontal ausgebildet werden. Ihre Struktur, die in allem auf Freiwilligkeit setzt, kommt dabei einer individualisierten Gesellschaft entgegen – niemand wird gezwungen zu erscheinen. Der Verein macht lediglich Angebote. Dabei kann das Angebot groß sein. Ohne weiteres können Gesellschaftsvereine – wenn sie ein Haus haben – Freundeskreise, Musik- und Lesezirkel, Theater- und Tanzgruppen pp aufnehmen und an sich binden. Niemand muss also seine bisherige Ausrichtung aufgeben, um sich einem Verein anzuschließen.

Gesellschaftsvereine haben darüber hinaus einen weiteren Vorteil für die Gesellschaft, den es stärker zu betonen gilt. In Zeiten, in denen die Gesellschaft immer weiter aufgespalten wird, bieten sie ein einigendes Band für alle Gleichgesinnten in einer Stadt und zwar prinzipiell ohne größenmäßige Beschränkung wie etwa bei den Serviceklubs. Der Austausch kann also hier im Ansatz aus engen Zirkeln hinaus in die Breite getragen werden, was mehr Raum für Begegnungen schafft. Ein Verein für eine Region und zwar über alle Partei- Herkunfts- oder religiösen Grenzen hinweg ist ein wenn auch alter, so doch nun wieder sehr sympathischer und sinnvoller Gedanke. Diesen gilt es selbstbewusster wieder nach außen zu stellen.

Aufgabe wie auch Chance für die Gesellschaftsvereine wird es dabei sein, Bildung, Kunst und Kultur wieder zu stärken. Das ist nicht einfach, weil viele Bürger hier eher eine Konsumentenhaltung angenommen haben und diese Entwicklung in der Coronazeit verstärkt wurde. Ein gemütlicher Netflixabend ist sicher für viele entspannender als einen Vortrag aufzusuchen. Aber es muss ja kein entweder oder sein – nur Sofa kann jedenfalls interessierte Menschen auf Dauer nicht motivieren, zumal auch in der Arbeitswelt über Homeoffice die Vereinzelung parallel fortschreitet. Neben der Chance dauerhafte Freunde zu gewinnen, ist dies ein weiterer Vorteil für Gesellschaftsvereine, über ein abwechslungsreiches und ansprechendes, breites Programm, Bildung wieder zu platzieren.

Doch wie kann das alles in die Moderne geführt werden - Traditionen wahrend, aber nicht „verstaubt“? Deutschland hat 80 Jahre nach Ende der Nazidiktatur noch immer zu keinem unverkrampften Verhältnis zu sich selbst gefunden. Im Gegenteil ist es sogar wieder schlimmer geworden. Konnte man bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland darauf hoffen, dass es nun in Richtung eines normalen Selbstwertgefühls geht, so sind die Dinge wieder verkrampfter geworden. Die im Grundgesetz als nationales Symbol festgelegte Fahne Schwarz-Rot-Gold steht nun bei nicht wenigen im Verdacht ein rechtes Symbol zu sein; stattdessen gelten andere Fahnen als modern. Und der Abbau von Traditionen ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass behauptet wird, es gebe über die Sprache hinaus gar keine eigenständige deutsche Nation und nichts Verbindendes. Es verwundert nicht, dass gerade Migranten hierauf besonders empört reagieren. Wer etwa als Musiklehrer wegen Beethoven oder Braams nach Deutschland gekommen ist, um hier seine Kenntnisse zu vertiefen, wird sich über diese Aussage mehr als nur wundern. Diese Aussagen machen aber deutlich, wie sehr wir immer noch zu kämpfen haben. Im Ausgang sollte man sich klar machen, dass gar keine Gesellschaft ohne Traditionen existieren kann. Von dem berühmten Verhaltensforscher Konrad Lorenz stammt die Weise Einsicht, dass die Tradition die DNA einer Gesellschaft sei. Gesellschaftliche Erfahrungen schreiben sich in den Einstellungen der Menschen fort und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Auf diesen Erfahrungspool über Traditionen zugreifen zu können, ist ein entscheidender Vorteil für jede Gesellschaft. Andererseits hat die deutsche Verkrampfung zugleich dazu geführt, dass Traditionen nicht modernisiert wurden. Der Hinweis auf die DNA ist nämlich auch insoweit richtig. Traditionen werden nur dann weiter als vorteilhaft angesehen werden können, wenn sie an die moderne Welt angepasst sind. Wie Pflanzen und Tiere in der freien Wildbahn müssen sich auch Traditionen neuen Gegebenheiten anpassen. Und es tut sich was, wenn auch eher durch den Blick ins Ausland als aus eigener Kraft. Beispielsweise werden Schul- und Berufsabschlüsse wieder groß gefeiert und durchaus in klassischer Festkleidung, die über Jahrzehnte verpönt war. Hier sind die Traditionen etwa aus den USA nach Deutschland eingewandert. Ähnlich bei Hochzeiten, die wieder ganz groß gefeiert werden. Und wer wieder Spaß an glänzenden Festen findet wird diese Freude auf andere Gelegenheiten erweitern wollen – warum also nicht wieder Bälle in den Gesellschaftshäusern? Ein Nachteil der Gesellschaftsvereine war sicher, dass sie auf gesellschaftliche Veränderungen zu starr reagiert haben – hier gilt es aktuelle Entwicklungen aufzunehmen. Der Spaß an niveauvollen Begegnungen ist generationsübergreifend modern, wenn man das Selbstbewusstsein hat, sich auf Neues einzulassen. Die Kunst ist, dies zu tun, ohne beliebig zu werden und eigene Selbstverständlichkeiten aufzugeben. Es mag überraschend sein, aber gerade die Migration wird dabei helfen, wieder zu einem normalen Selbstwertgefühl zu gelangen.

Bringen sie zum Einen wie selbstverständlich eigene Traditionen mit, fragen aber teils erstaunt nach den deutschen Traditionen, die sie gerne kennen lernen würden und über deren Ausbleiben sie in höchstem Maß erstaunt, je befremdet sind. Diese Zuwanderer halten uns den Spiegel vor, in dem wir aber nur noch wenig – nach meiner Meinung viel zu wenig – sehen können. Das wird so nicht bleiben. Interessant ist, dass gerade vor diesem Hintergrund nicht wenige Menschen mit spannender Migrationsgeschichte den Zugang zur Ressource in Detmold gefunden haben und nun helfen neue Dinge zu entwickeln.

Ein Webfehler bleibt: regionale Gesellschaften sind gerade auch in Zeiten, in denen stark über Heimat diskutiert wird, sinnvoll. Aber es fehlt der Blick über den regionalen Tellerrand hinaus, der gerade auch in einer globalisierten Welt sinnvoll ist. Ein Austausch unter den Gesellschaftsvereinen würde neuen Schwung bringen und eine noch engere Verbindung könnte auch Stärken und Schwächen wenigstens etwas ausgleichen. Die Ressource zu Detmold wird deshalb versuchen, den Kontakt zu anderen Gesellschaftsvereinen Westfalens auszubauen, um eine neue Dynamik dieser wenn auch alten, aber immer noch modernen Idee zu kreieren.

200 Jahre sind eine lange Zeit. Die Gesellschaftsvereine haben viele Höhepunkte, aber auch Krisen durchlebt und überstanden. Sie sind eng mit der Gesellschaft verknüpft, so dass sie ein Spiegelbild unseres Landes sind. Deutschland mag auf eine Krise zusteuern. Aber das sollte uns nicht Bange machen. Denn Krisen können gemeistert und überstanden werden. In der Vergangenheit konnten wir dabei als Gesellschaftsvereine auch immer als starker Motor mitwirken. Ich bin sicher, dass auch das wieder möglich sein wird, wenn wir an einigen wenigen Stellschrauben drehen mit dem notwendigen Selbstbewusstsein und ja auch mit Stolz. Auf diese sinnvolle und wichtige Aufgabe dürfen wir uns alle freuen.

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